19Mai

On-Off-On

Sabine Degen für Partner

On-Off-Beziehungen scheinen gerade Mode. Was sich nach außen als nervendes Hin und Her zeigt, ist mehr als Dauerspannung und Beziehungsstress. Psychologen erklären es gerne als Bindungsstörung aufgrund frühkindlicher Erfahrungen, doch wer von uns kann sich davon gänzlich freimachen? Wessen Kindheit verlief optimal und wie sähe solch eine Kindheit überhaupt aus? Und selbst wenn wir eine glückliche Kindheit erleben durften, was machen wir dann mit einem Partner, bei dem es vielleicht weniger gut lief? Sollen wir ihn erst zum Therapeuten schicken? Oder brauchen wir dann gleich eine Paartherapie?

Früher, als die Frau in der Rolle der Hausfrau und Mutter noch wirtschaftlich abhängiger vom Mann war, wäre eine spontane Trennung schwieriger umsetzbar gewesen. Kompromisse mussten gefunden werden, weil der Leidensdruck erst dann eine Trennung gerechtfertigt hätte, wenn er so groß geworden wäre, dass gar nichts mehr geht. Heutzutage macht man es uns leichter. Die moderne Frau lebt ein selbstbestimmtes Leben, mit Mann, Kindern, Job und eigenem Konto. Diese Errungenschaften haben aber nichts damit zu tun, dass wir eigentlich unserem Wesen nach immer noch Frauen geblieben sind. Wir leben ständig mit der Herausforderung, als relativ unabhängige Person eine realativ abhängige Beziehung leben zu wollen. Männern geht es da nicht viel anders.

Der Fehler liegt meiner Meinung darin, dass wir Beziehungen idealisieren. Zu einer Beziehung gehören Auseinandersetzungen, Nähe und Distanz und beides ergibt sich durch das bloße Aufeinandertreffen unterschiedlicher oder gleicher Persönlichkeitsmerkmale, Erfahrungen und Verhaltensweisen. Wer sich selbst liebt, muss zwangsläufig hin und wieder Grenzen setzen und sich oder den Anderen aus der Gefahrenzone bringen, damit sich die Sichtweise ändern kann und niemand Schaden erleidet. Dazu bedarf es natürlich nicht unbedingt einer offiziellen Trennung. Und so vermuten ja auch viele der Zaungäste solcher On-Off-Beziehungen, vollkommen gerechtfertigt, dass es wieder zu einer Verbindung kommen wird. Es geht dabei eigentlich auch mehr um das Gefühl einer Wahlmöglichkeit, wirklich trennen, will man sich meist gar nicht.

Das, was wir an der Oberfläche sehen, spiegelt uns! Vielleicht sind solche On-Off-Beziehungen Spiegel für einen Beziehungswandel. Wir sind nicht mehr nur zusammen, weil wir uns brauchen oder glauben zu lieben, sondern weil wir uns immer wieder aufs Neue ganz bewusst dafür entscheiden! Weil wir heute früher und häufiger reflektieren und reagieren, und weil Trennung zwar immer noch emotionaler Entzug bedeutet, aber auch positive Effekte haben kann, wenn man sie als Chance für persönliche Entwicklung erkennt und nutzt!

20Januar

Faule Kommunikation

Sabine Degen für Alle

Heutzutage muss alles schnell gehen: das, was wir tun; das, was wir sagen, das, was wir schreiben. Abkürzungen bestimmen unsere Sprache. OMG,  HDL, USP und SMS, wir fassen uns kurz.  Leider leidet dadurch auch die Verständigung. Noch längst nicht alle Botschaften lassen sich auf weniger als 160 Zeichen reduzieren, wenn man richtig verstanden werden will.  Der Interpretationsspielraum steigt. Missverständnisse sind die Folge.

Und nicht nur das. Es schimpft sich schneller: “Dummkopf!”, als sich die Mühe zu machen, konkretes Verhalten zu kritisieren. Das wäre auch mehr Arbeit. Verständigung braucht Zeit und einen kühlen Kopf. Der unmittelbare Griff zum Handy, durch den fast jeder von uns heute sofort erreichbar ist, verstärkt das Ganze noch. Stellen Sie sich vor, Sie müssten sich erst einmal hinsetzen und einen von Hand geschriebenen Brief formulieren, ihn zur Post bringen, mit dem Wissen erst nach Tagen eine Antwort zu bekommen. Würden Sie dann immer noch genauso spontan reagieren?

Es ist manchmal tatsächlich hilfreich genau das zu tun: Hinsetzen, Nachdenken, Ziele bewusst machen, die richtigen Worte finden und aufschreiben, am nächsten Tag noch einmal durchlesen und dann erst senden. Das ist einfach, schont Nerven und Geldbeutel und hinterlässt weniger Spuren. Auch mit modernen Kommunikationsmitteln geht das. Entwurf speichern!

8Januar

Fragen erwünscht!

Sabine Degen für Eltern

“Wer fragt, der führt!”, heißt es. Das sollte man Schülern erzählen. Bei den Kids scheint die Auffassung eine andere zu sein: Wer fragt, zeigt Schwäche.

Meine Generation wuchs noch mit dem Slogan der “Sesamstraße” auf: “Wer? Wie? Was? Wieso? Weshalb? Warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm!” Wenn ich meine Schüler dazu ermutige im Unterricht Fragen zu stellen, dann schauen sie mich überrascht an und antworten mir, dass das nichts bringe. Sie zitieren den entsprechenden Lehrer, der nicht doppelt und dreifach erklären will oder dem Schüler sogar unterstellt, dass er nicht aufpasse. Man scheint die Jugend in der Schule nicht gerade dazu anzuleiten, Fragen zu formulieren, noch bespricht man mit ihnen, wie das überhaupt geht. Das ist schade.

Dabei wird von Lehrerseite oft die mangelhafte Mitarbeit der Schüler kritisiert. Ich frage mich manchmal, ob in der heutigen Zeit genau diese Interaktion überhaupt erwünscht ist? Würden die Schüler das “Aktive Zuhören” beherrschen und den Lehrer ständig fordern: “Habe ich Sie da richtig verstanden Herr Müller, man multipliziert beim Erweitern den Zähler und den Nenner mit derselben Zahl?” Das wäre ein Spaß, dabei würde ich gerne mal Mäuschen spielen.

Wie man Fragen sinnvoll formuliert – ob offen oder geschlossen – sollte man in der Schule lernen und üben können, denn schließlich ist Schule keine Einbahnstraße. Jede Information ist später im Berufsleben bares Geld wert. Auch wenn man sich das jetzt vielleicht noch nicht vorstellen kann. Lehrer sind quasi bezahlte Experten, deren Wissen und Erfahrung man unbezahlt nutzen kann. Das ist doch eine tolle Sache, besonders für diejenigen, die jetzt schon wissen, was sie später machen wollen. Also ran ans Löchern, er oder sie wird Euch sagen, wie es geht …

30Dezember

Vollkommen langweilig

Sabine Degen für Alle

Früher dachte ich, alles müsse perfekt sein, irgendwie vollkommen. Heute finde ich Vollkommenheit langweilig. Es liegt wohl auch an der Gelassenheit des Alters, dass man als Mitt-Vierzigerin nicht mehr nach dem Nonplusultra strebt, ganz im Gegenteil! Ich mag, wenn die Dinge unvollkommen sind, denn dann zeigt sich immer wieder Neues.

Wenn die Haut schon nicht mehr so gespannt ist wie früher, dann erklärt man eben den Knitter-Look zu etwas Besonderem. Dieses “Umdeuten” halte ich für ein probates Mittel, auf eine veränderte Situation zu reagieren, damit man sich wohler fühlt. Auch mit einigen Speckröllchen lässt es sich gut leben, wenn sich dieses Mehr weder auf die Gesundheit, die Anziehung noch das Selbstbild negativ auswirkt.

Ecken und Kanten, kleine Fehler, machen uns zu unverwechselbaren Unikaten. Heute würde ich einer restaurierten Vase größeren Wert beimessen, als einer makellosen Neuen. Das heißt nicht, dass ich explizit danach suche, sondern mehr, dass ich das Andersartige annehmen gelernt habe, auch wenn es eben nicht der Norm entspricht.

Es wird immer Mehr- und Minderheiten geben, aber auch immer nur in Bezug auf einige wenige Ausprägungen und in einem bestimmten Kontext. Würde ich mich also mit anderen Frauen meines Alters vergleichen, läge ich sehr wahrscheinlich innerhalb des Durchschnitts, mit allen Frauen verglichen, sehe ich wohl alt aus.

Jeder Glanz vergeht, das, was uns wirklich begeistert, sind die kleinen Abweichungen, die individuellen Spuren von Vergangenheit und Gegenwart. Es ist gut, dass es so viele Schattierungen gibt, so viel Unvollkommenes, Risse und Lücken, denn gerade diese Vielfalt gibt uns die Chance, mit Leben zu füllen.

Viele Beziehungskonflikte im Leben, ob beruflich oder privat, sind auf das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Persönlichkeiten zurückzuführen. Man selbst kann sich manchmal kaum vorstellen, wie anders andere “ticken” können.

Ein guter Freund von mir – den ich sehr schätze – will immer alles kurz und prägnant formuliert haben. Ihn langweilen meine ausschweifenden Beziehungsfragen und philosophischen Ergüsse. Er liebt es, wenn ich ihm zuhöre. Er ist ein klassischer Tüftler, kann nächtelang an Details arbeiten, sucht perfektionistisch nach dem Optimum, selbst wenn jemand währenddessen das Haus abreißen würde, in dem er wohnt. Er ist die Ruhe selbst – nach außen hin – kann meine Stimmungen überhaupt nicht nachvollziehen – weil er dafür keine Antennen hat – und liebt seine Freiheit über alles. Er denkt logisch, nähert sich Schritt für Schritt seinem Ziel, hat dabei alle Geduld der Welt und führt alles, das er anfängt auch zu Ende. Er könnte mir heute noch sagen, wie der Weg aussah, den wir vor Jahren zum ersten Mal gingen. Er könnte mir sagen, wonach es damals roch, ob die Schafherde Junge hatte, welche Wolken am Himmel zu sehen waren, kurz: Er ist so ganz anders als ich!

Da ich nun mal ein Mensch bin, der gerne etwas von anderen lernt, der Neues entdecken will, der immerzu Input braucht, kam mir dieser Typ gerade recht, doch mit ihm auszukommen und ihn zu verstehen, daran wäre ich fast gescheitert. Anfangs wollte ich ihn verbiegen, ihm meine Art und Weise näher bringen, ihn davon überzeugen, dass ich richtig liege. Das versuchte er auch mit mir und der Machtkampf begann. Heute kommt mir das ziemlich dumm vor, denn das konnte nicht gut gehen. Außerdem finde ich ja viele Eigenschaften von ihm auch sehr positiv und nützlich.

Ich fühlte zwar, dass es für mich irgendwie sinnvoll sein würde, einem solchen Mann begegnet zu sein, doch es war lange Zeit eine Quälerei für uns beide. Wir haben nur eine kleine Schnittmenge, die wir leben können und doch haben wir auch voneinander gelernt und ich wäre heute in einigen Dingen längst nicht so erfolgreich, wenn ich mir nicht etwas von ihm abgeschaut hätte. Ich bin ruhiger geworden, weniger impulsiv, logischer und kann jetzt auch mal ein bisschen Chaos aushalten. Ich weiß heute, dass er eben so ist, wie er ist und das ist auch gut so. Ich glaube, er fand so manche Aufregung meinerseits auch nicht so schlimm. Im Gegenteil, so ein bisschen Energie und Lebensfreude steckt jeden an, selbst einen – eher unterkühlt wirkenden – Cowboy.

Für alle, die tagtäglich ihre Mühe mit ihrem Gegenüber haben – ob im Büro oder zu Hause – dem sei das folgende Buch empfohlen: So bin ich eben! Erkenne dich selbst und andere“, aus der Feder zweier Trierer Diplom-Psychologinnen: Stefanie Stahl und Melanie Alt. Dort kann man auch einen kleinen Persönlichkeitstest machen. Vielleicht verstehen Sie sich und andere bald besser …

28Dezember

Sie haben es in der Hand

Sabine Degen für Alle

Ob Ihr Leben einer Tragödie oder Lustspiel gleicht, können Sie selbst entscheidend beeinflussen. Sie bemerken doch, womit Sie sich richtig gut fühlen und womit nicht. Warum tun Sie dann so oft Dinge, die Ihnen nicht genau das geben, was Ihnen gefällt?

Auf diese Frage antworten die Ungläubigen damit, dass das nicht so einfach sei, dass es Zwänge und Moral gibt, dass man nicht nach Lust und Laune agieren kann, dass man sich anpassen muss und nicht alleine auf dieser Welt ist. Aber das Leben besteht aus sehr vielen Menschen, sehr vielen Möglichkeiten, sehr vielen verschiedenen Ansichten und auch nicht ein und derselben Moral. Wir können uns zwar nicht aussuchen, wo und von wem wir geboren werden, aber wer wir sind und was wir wollen, gibt uns später niemand mehr vor. Wir haben also eine Wahl.

Sie kennen sicher die Situation, dass sie eigentlich etwas wollen sollten, es aber nicht wirklich tun. Sie möchten niemanden kränken, zurückweisen noch verletzen und doch stehen Sie sich selbst am nächsten. Schon haben wir einen inneren Konflikt. Meist geht es gar nicht so sehr darum, wofür Sie sich später entscheiden, sondern, wie Sie mit diesem inneren Zwiespalt umgehen. Dazu müssten Sie als Erstes wissen, was genau Ihnen in diesem Fall nicht gefällt, um dann im zweiten Schritt für sich zu klären, was genau Sie sich wünschen.

Wenn Sie die Balken aus Ihrem Kopf bekommen und anfangen, offen mit sich und anderen darüber zu sprechen, wird sich das Ersehnte einstellen. Denn wer auch immer etwas von Ihnen fordert oder sich wünscht, wird sicher Verständnis für Ihre Situation haben, wenn Sie sich Ihrer Beweggründe bewusst sind und sie anderen mitteilen können. Das erfordert mitunter Kreativität und Mut, weniger dramaturgisches Geschick.

Achten Sie darauf, wenn Sie das nächste Mal eine Antwort geben, ob Sie auch genau das sagen oder schreiben, was Sie meinen. So wird man eher verstehen können, was Sie wirklich wollen und was nicht.

24Dezember

Wir glauben alle (an) etwas

Sabine Degen für Alle

Der Glaube an die Wiedergeburt tröstet uns in der heutigen Zeit vielleicht nicht mehr so sehr. Die Botschafter dieser Gedanken haben es auch immer schwerer, weil wir uns nicht mehr grundlos schuldig fühlen wollen, weil wir heute informierter sind und unser Leben bewusster gestalten, weil wir uns nicht mehr von einer Institution bevormunden lassen, die selbst nicht unbedingt ein gutes Vorbild ist.  Und doch würden wir gerne an etwas Gutes, Heil Bringendes glauben und tun es auch – jeder auf seine Art.

Wir alle tragen Vorstellungen in uns, die wir beschreiben und kommunizieren könnten: Glaubenssätze. Es sind subjektive Wahrheiten, die unsere Sicht der Dinge widerspiegeln. Sie sind abhängig davon, wo und wie wir aufwuchsen, was wir dort stetig hörten, was man dort als überlebenswichtig ansah. Sie prägen unser Denken, Fühlen und Verhalten und sind uns meist nicht einmal bewusst. So kämen wir wohl kaum auf die Idee, sie aufzuschreiben.

Es heißt, gläubige Menschen leben länger und gesünder, weil ihnen der Glaube Halt gibt. Halt, den sich vielleicht viele wünschen, doch in der schnelllebigen Zeit nicht mehr finden. Auch ich empfinde die Vorstellung entlastend, dass nicht alles in meiner Hand liegt, und vertraue mich etwas Höherem an, das man in meiner Religion eben Gott nennt. Es tut mir gut, ohne mich damit aus der Verantwortung für mein Handeln stehlen zu wollen. Ich sehe darin keinen Widerspruch.

Vielleicht braucht unser Glaube eine Art “Update”, oder besser ein “Upgrade”.  In Zeiten stetiger Entwicklung sollte der Glaube nicht stehen bleiben. Die Stufe weiter wäre vielleicht der Glaube an das Göttliche in uns oder die Kraft und Energie, die wir entfalten können, wenn wir lernen, an unsere Stärken zu glauben, keine Religion, die uns ständig büßen lässt. Ein moderner Glaube ist vielleicht ein individueller Glaube, Wellness für die Seele, der uns so stark macht, dass wir uns nirgendwo anders festhalten müssen.

21Dezember

Ich bin für Transparenz

Sabine Degen für Partner

Gute Beziehungen sind das “A” und “O” funktionierender zwischenmenschlicher Vorgänge. Egal ob es sich um private oder geschäftliche Kontakte handelt. Manche Menschen haben es einfach “drauf”, andere wiederum tun sich damit schwer. Dabei könnte alles ganz einfach sein.

In der Wirtschaft spricht man von Angebot und Nachfrage. Was bei zwischenmenschlichen Beziehungen jeglicher Art doch oft undefiniert ist, ist das, worum es eigentlich geht: das Produkt bzw. die Leistung. Das klingt jetzt zwar sachlich und nüchtern, aber genau darin liegt meiner Meinung nach oftmals die Ursache dafür, warum sich nicht diejenigen finden, die das haben, was andere suchen. Es fehlt an Klarheit.

Stellen Sie sich vor, wir würden alle mit einsehbaren Körbchen herumlaufen, in denen unsere Gaben und Fähigkeiten stecken. Nun könnte es ja sein, dass es da etwas gibt, das Ihnen fehlt, Sie also gerne von jemand anderem hätten. Auf einem transparenten Markt würden sich doch schnell diejenigen finden, die das bestimmte Etwas haben. Vorausgesetzt, es würde nicht geschummelt oder verschleiert. Genau das passiert aber leider häufig.

Das Angebot gut darzustellen – um im Bild zu bleiben – ein ansprechendes Körbchen zu tragen, ist legitim. Probleme gibt es meist dann, wenn der Inhalt nicht dem entspricht, oder anderes ungeklärt bleibt, weil wir im Dunkeln tappen. Bei einem Geschäft kommt es nur dann zu einem Vertrag, wenn es zwei übereinstimmende Willenserklärungen gibt. Aber bitte nennen Sie mir den Fall, wo sich zwei Menschen treffen und gleich kommunizieren können und wollen, was sie in ihrem Körbchen haben, wie viel sie davon abzugeben bereit sind, wie und wann etc.

Wie schön Ihr Körbchen auch nach außen sein mag, groß, glitzernd und undurchsichtig. Wenn Sie einem Menschen näher kommen, wird dieser irgendwann hineinsehen können. Ist es dann die Zeit und Mühe wert gewesen, andere täuschen zu wollen? Oder nehmen wir den anderen Fall, dass Sie selbst gar nicht so genau Ihre Stärken kennen. Bei ausreichend Transparenz  könnten Sie einfach den Inhalt Ihres Körbchens mit anderen vergleichen. Wovon haben Sie mehr als andere?

Niemand braucht vorgeben etwas anderes zu sein, als er ist, weil jeder von uns eine bestimmte Mischung mit sich herumträgt. Diese einzigartige Kombination grenzt ihn von Natur aus von den vielen anderen ab und macht ihn einzigartig. Es ist viel einfacher und stressfreier, wenn wir uns auch genau so zeigen, weil sich die Dinge dann quasi von selbst regeln.

Stellen Sie sich eine Situation vor, die sie als unangenehm empfinden und gerne verändern würden. Sicher haben Sie dazu gleich Bilder im Kopf oder es kommen Ihnen bestimmte Wörter in den Sinn. Nehmen Sie nun ein Blatt Papier und zeichnen Sie eine Linie entlang der Mitte. Auf die linke Seite schreiben Sie genau diese Wörter und malen diese Bilder, alles, was Ihnen dazu einfällt. Das können Situationen aus dem beruflichen Alltag, aus dem partnerschaftlichen Bereich, im Umgang mit Ihren Kindern usw. sein. Wichtig ist, dass Sie diese Seite spontan ausfüllen. Haben Sie schon angefangen? Legen Sie, vor dem Weiterlesen, los. Es dauert nur 10 Minuten …

Gut! Nun falten Sie diesen Teil des Blattes nach hinten. Es sollte nur noch die unbeschriftete Seite des Papiers vor Ihnen auf dem Tisch liegen. Was kommt wohl auf diese Seite? Stellen Sie sich vor, Sie hätten die Möglichkeit Dinge zu verändern, eine Fee würde Ihnen alles ermöglichen, was Sie sich wünschen. Betrachten Sie nun noch einmal, vor Ihrem inneren Auge, die zuvor beschriebene Situation. Wie würde sie nun aussehen? Was fällt Ihnen dazu ein? Schreiben Sie es auch auf und malen Sie, wie ein kleines Kind, Bilder. Tun Sie es einfach, ohne  “wenn” und “aber”. Fertig?

Klappen Sie nun die umgelegte Seite wieder zurück und schauen Sie sich das Kunstwerk an. Sie haben nun bildlich vor Augen, was Sie nicht mehr wollen und was Sie – Ihrer Meinung nach – wollen. Trifft es zu, dass Sie auf der rechten Seite genau das Gegenteil der linken Seite stehen bzw. gezeichnet haben? Vielleicht sind Sie sogar schon dabei, genau das umzusetzen und stecken in den Startlöchern. Sicher werden Sie, aufgrund mangelnder Kenntnisse über die andere Seite der Medaille, erst einmal das Bekannte vermeiden wollen und zum Gegenteil tendieren. Beispiele:

  • “Ich will nicht mehr dick sein, sondern dünn.”
  • “Ich möchte keine feste Bindung mehr, sondern frei und unabhängig sein.”
  • Mein Chef würdigt meine Arbeit nicht, am besten werde ich mein eigener Chef.”
  • “Ich habe immer Schulden, ich möchte reich sein.”
  • “Ich muss immer so viel arbeiten, ich möchte auch nur den Haushalt machen müssen und auf die Kinder aufpassen.” usw.

Sie werden schnell bemerken, dass das andere Extrem auch nicht viel besser ist, als das, das Sie schon kennen. Es wird andere Nachteile haben, die Sie vielleicht schon erahnen, aber eben noch nicht fühlen können. Und genau darum geht es, um Gefühle! Man kann kein Gefühl vorweg nehmen. Wissen Sie, wie sich ein Krebspatient fühlt? Können Sie sich vorstellen, wie sich Eltern um ihr Kind sorgen oder wie es ist, ein Star zu sein, wenn Sie gesund, kinderlos und durchschnittlich begabt sind? Empathie ist immer nur eine bescheidene Annäherung an die individuelle Realität.

Wir tun also meistens unbewusst nichts anderes, als uns mit der Zeit einzupendeln. Indem wir uns erst einmal in die konträre Situation begeben, begreifen wir sie. Wir erleben die Vor- und Nachteile der neuen Verhältnisse und bewegen uns wieder zurück. Dabei werden die Pendelausschläge immer kleiner. Dann muss man nicht mehr Millionär werden, sondern es reicht schon ein regelmäßiges Einkommen aus. Dieser Pendel-Prozess läuft wie von selbst ab. So wie die Schwerkraft bewirkt, dass das Pendel irgendwann stehen bleibt, so finden wir auch irgendwann unsere Balance. Nur wer seine Grenzen kennt, kann die Mitte finden.

Im Leben können Sie selbst bestimmen, wie lange Sie auf der anderen Seite verweilen wollen. Dabei könnte es vielleicht schon ausreichen, kurz in den gewünschten Zustand hineinzuschnuppern. Ein Praktikum in einem anderen Betrieb kann den Wunsch nach einem anderen Beruf schnell verblassen lassen. Auch der Rollentausch ist ein probates Mittel, die andere Seite zu erleben. Vieles relativiert sich mit der Zeit und nicht immer sollte man eingreifen.

Wann haben Sie sich das letzte Mal so richtig viel Zeit für sich selbst gegönnt? Keine Aufgaben, keine Termine, keine Menschen, nur Sie! Was haben Sie letztes Wochenende getan? Was für die nächste Freizeit geplant? Wann haben Sie sich zuletzt darüber Gedanken gemacht, was Sie wollen, was Ihnen gut tut? Könnten Sie mir jetzt auf Anhieb drei Dinge nennen? Wenn nicht, dann sollten Sie sofort damit anfangen. Jede Sekunde, die Sie sich mit sich selbst beschäftigen, gehört zu den wertvollsten Ihres Lebens. Sind Sie sich das nicht wert?

Wir stehen morgens auf, spulen unser tägliches Programm nach gewohnten Regeln ab. Tage vergehen im Flug, ohne dass wir einen Hauch davon mitbekommen. Bewusstes Erleben wäre anders. Routine gibt Sicherheit und doch leidet heute fast jeder Zehnte an einer Angststörung, die nicht selten Vorbote einer Depression ist. Selbst in unserer Freizeit setzen wir uns unter Druck und verbringen sie überwiegend mit geplanten Aktionen. Spontaneität, lustvoll impulsives Handeln gehört nicht in das Bild eines zielstrebigen Erfolgsmenschen. Dabei bräuchten wir Ausgleich: Entspannung und Loslassen.

Fallen Sie mal aus der Rolle! Verrücktsein ist der Gegenspieler des Alltags. Kinder beherrschen das i.d. R noch gut. Während der Schulstunden diszipliniert, suchen sie nach Schulschluss den Ausgleich beim Spiel und Abhängen mit ihren Freunden. Wir sind zwar die Großen und distanzieren uns damit gerne von den Heranwachsenden, doch vergessen wir, dass wir uns beim Großwerden manchmal von uns selbst entfernt haben. Unser Privatleben ist uns, egal, was wir mit dieser Zeit anfangen. Ob Sie mit 50 eine Fremdsprache lernen oder sich endlich die Welt ansehen. Leben Sie!